Sexarbeiter auf Twitter im Visier deutscher Zensurbehörden

Zensur auf Twitter

Twitter ist eine der wenigen Social-Media-Plattformen, auf der Sexarbeiter und Pornodarsteller noch explizite Inhalte posten und so für ihren Service werben dürfen. Doch geht es nach deutschen Behörden, ist damit nun Schluss.

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Regulierungsbehörden gehen auf Twitter gegen Sexarbeiter und Pornodarsteller vor

Sexarbeiter und Erotikdarsteller aus Deutschland sind in der Vergangenheit schon öfters ins Visier hiesiger Behörden geraten. So erhielt etwa Lara CumKitten, ein bekanntes Gesicht aus der Amateurpornobranche, wegen als jugendgefährdend eingestuften FSK18-Inhalten auf Twitter eine Unterlassungserklärung. Und wie die Blondine verriet, werde gegen viele ihrer Kolleginnen, die explizite Inhalte twitterten, ebenfalls rechtlich vorgegangen.

mistress bella
Mistress Bella

Laut eines Berichts des News-Portals The Daily Dot fassten deutsche Medienanstalten zuletzt vor allem Sexarbeiter aus dem BDSM-Bereich ins Auge. Das Berliner BDSM-Studio Avalon etwa erhielt jüngst wegen Twitter-Posts der Domina Mistress Bella Lugosi, die verschiedene Fetisch-Vorlieben wie Bondage, Unterwerfung, Sadismus oder Masochismus anbietet, ein Warn-Schreiben. In diesem heißt es, dass einige der Tweets gegen die in Deutschland geltenden Richtlinien für Posts auf einer Plattform, die für Minderjährige zugänglich ist, verstoßen.

Gegenüber The Daily Dot erklärte Mistress Bella, dass sie das Warn-Schreiben komplett kalt erwischt habe. „Etwas Derartiges ist mir noch nie zuvor passiert“, so die Domina. Sie ist es zwar gewohnt, dass man in ihrer Branche von deutschen Regulierungsbehörden, die sich insbesondere der Einhaltung von Jugendschutzbestimmungen verschrieben haben, genau beobachtet wird, doch Social-Media-Plattformen wie Twitter sind bisher nicht sonderlich streng überwacht worden.

Das scheint sich jetzt jedoch zu ändern. So hat sich Mistress Bella nach Erhalt des Schreibens ein wenig in der Branche umgehört. Sie brachte in Erfahrung, dass einige ihrer Domina-Kolleginnen ebenfalls Ärger mit den Behörden haben. Beispielsweise ihre gute Freundin Calea Toxic, die sich sogar bereits anwaltlichen Beistand geholt hat. Mistress Bella wiederum sah sich zur Vermeidung von Sanktionen inzwischen dazu gezwungen, viele ihrer Tweets zu entfernen. Den Account komplett zu löschen, war für sie hingegen keine Option.

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Sexarbeiter benötigen Twitter für Werbung

Wegen der aktuellen Situation rund um die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen haben Sexarbeiter zurzeit erhebliche Verdienstausfälle zu beklagen. Das verschärfte Vorgehen von Regulierungsbehörden trifft sie daher sogar noch härter als unter normalen Umständen.

Denn: Sexarbeiter sind mehr denn je auf Einkommen aus anderen Quellen wie dem Verkauf von Clips im Internet angewiesen. Und Twitter ist für viele Sexarbeiter – gilt für Pornodarsteller gleichermaßen – essentiell, um Werbung für das eigene Angebot zu machen.

„Wenn es mir nicht erlaubt ist, auf Twitter meine Clips zu verlinken, ist es für mich gewissermaßen sinnlos, Videos zu produzieren“, sagt Mistress Bella gegenüber The Daily Dot. Ähnlich äußert sie sich in einem Tweet vom Juli: „Es ist unmöglich, Clips zu verkaufen, wenn du auf Twitter keine Werbung machen darfst.“

Gerade neue Kunden lassen sich nur durch Werbung auf Social-Media gewinnen. Sollte künftig die Kundenakquise via Twitter nicht mehr möglich sein, würde das Einkommen deutlich geringer ausfallen.

Das sagt die Zensurbehörde

Sexarbeit ist in vielen Ländern illegal, darf nur sehr eingeschränkt ausgeübt werden oder gilt nicht als richtige Arbeit. In Deutschland hingegen ist sie seit 1927 legal und seit 2002 dank des in dem Jahr in Kraft getretenen Prostitutionsgesetzes (ProstG) sogar als sozialversicherungspflichtige Arbeit mit dem Recht auf eine Krankenversicherung anerkannt.

Wegen des offenen Umgangs mit Prostitution nehmen weltweit Sexarbeiter Deutschland als Maßstab für alles rund um ihren Beruf. Es sorgt also auch in anderen Ländern für Aufsehen in der Branche, wenn deutsche Zensurbehörden im Internet verschärft gegen Sexarbeiter vorgehen.

Aber warum genau soll nun verstärkt reguliert werden, wenn der Umgang in Deutschland normalerweise doch so offen ist? Das liegt daran, dass es seit 2002 gemäß Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) hierzulande illegal ist, pornografische Inhalte zu verbreiten, die für Minderjährige zugänglich sind. Und dagegen wird laut Sittenwächter auf Twitter verstoßen, weshalb sie es nun dort auf Accounts von Sexarbeitern und Pornodarstellern abgesehen haben.

Bodil Diederichsen, Rechtsanwältin der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MH HSH), hat sich nun gegenüber The Daily Dot erstaunlich offen zu diesem Vorgehen geäußert. Die Behörde arbeitet hauptsächlich Tipps und Hinweise aus der Bevölkerung über anstößige Inhalte im Netz ab. Das schließt Hassrede und andere Verstöße mit ein.

Laut Diederichsen wende man sich zunächst an den Content-Provider, der die Möglichkeit habe, Tweets zu entfernen. Dabei geht es ihr in erster Linie nicht darum, grundlos zu zensieren und Sexarbeitern zu schaden. „Wir sind immer offen für Gespräche und bemühen uns, Lösungen zu finden“, sagt sie.

Zwar können sensible Inhalte auf Twitter für eine geschlossenen Nutzergruppe mit FSK18-Warnhinweis gepostet werden. Da solche Gruppen aber theoretisch jeder betreten kann – auch Minderjährige-, reiche das Diederichsen zufolge nach dem deutschen Gesetz nicht als Jugendschutzmaßnahme aus. „Aus meiner Sicht macht es das für Kinder sogar noch interessanter“, so die Anwältin.

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Twitter als letzte Bastion sexueller Redefreiheit

Diederichsen gibt zu, dass die Richtlinien von Twitter, was gerade noch so erlaubt ist und was nicht, sehr vage sind. Der Inhalt müsse der Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen schaden, damit er verboten ist. Doch ob das der Fall ist, sei immer eine sehr individuelle Entscheidung. Kein Wunder also, dass die Entscheidung, ob Tweets entfernt werden oder nicht, auf viele Sexarbeiter und Pornodarsteller willkürlich wirkt.

Es bleibt dennoch festzuhalten, dass Twitter die letzte Bastion ist, auf der Sexarbeiter und Pornodarsteller ihre Arbeit offen bewerben dürfen. Auf anderen Social-Media-Plattformen ist das aufgrund strenger Richtlinien nicht möglich. Daher ist es nur allzu verständlich, dass wegen der zunehmenden Zensur die Sorge steigt, Twitter könne diesen Status verlieren.

Und zwar steigt die Sorge auch bei ausländischen Sexarbeitern und Pornodarstellern – aus gutem Grund. Denn auch wenn deutsche Behörden das nicht-lokale Twitter nicht in Gänze kontrollieren können, ist es zumindest möglich, ortsansässige Sexarbeiter und Pornodarsteller einzuschränken. Und das könnte als Vorbild für andere Länder dienen. Die Gefahr von Zensur auf Twitter besteht also weltweit. Es bleibt abzuwarten, wie sich das in Zukunft entwickelt.

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